Am ersten Tag, an dem die DNS-Sperren für illegale Glücksspielseiten in Deutschland verbindlich wurden, war das Ergebnis ernüchternd: Die meisten gesperrten Seiten waren innerhalb von Minuten über alternative Zugangswege erreichbar. Seit Mai 2026 sind DNS-Sperren das neueste Werkzeug im Arsenal der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder, um den Schwarzmarkt für Sportwetten einzudämmen. Die Frage, die Branche, Regulierer und Wetter gleichermaßen beschäftigt: Funktioniert das?
Was DNS-Sperren technisch bedeuten
DNS steht für Domain Name System – das „Telefonbuch des Internets“. Wenn du eine Webadresse in deinen Browser eingibst, fragt dein Gerät einen DNS-Server, welche IP-Adresse zu dieser Domain gehört. Die DNS-Sperre funktioniert, indem deutsche Internetanbieter – Telekom, Vodafone, 1&1 und andere – angewiesen werden, bestimmte Domains nicht mehr aufzulösen. Diese Anbieter kontrollieren die DNS-Server, die dein Router standardmäßig nutzt. Gibst du die Adresse einer gesperrten Wettseite ein, leitet der DNS-Server dich nicht mehr zur richtigen IP-Adresse weiter, sondern zeigt eine Fehlermeldung oder eine Sperrseite an. Für den durchschnittlichen Nutzer, der seine Netzwerkeinstellungen nie verändert hat, ist die Seite damit de facto nicht mehr erreichbar.
Die technische Realität ist komplexer. DNS-Sperren blockieren nur die Namensauflösung über den Standard-DNS-Server des Internetanbieters. Wer seinen DNS-Server manuell auf einen alternativen Anbieter umstellt – was mit wenigen Klicks in den Netzwerkeinstellungen möglich ist – umgeht die Sperre. Auch VPN-Dienste und der Tor-Browser umgehen DNS-Sperren vollständig. Das macht DNS-Sperren zu einem Werkzeug, das technisch versierte Nutzer nicht aufhält, aber für die Mehrheit der Gelegenheitsnutzer eine wirksame Hürde darstellt.
Die Analogie, die ich in Vorträgen verwende: Eine DNS-Sperre ist wie ein Straßenschild, das die Durchfahrt verbietet. Es hält die meisten Autofahrer auf, aber wer den Schleichweg kennt, fährt einfach drum herum. Das Schild reduziert den Durchgangsverkehr – es eliminiert ihn nicht. Ob das ausreicht, hängt davon ab, wie viele Nutzer den Schleichweg kennen und bereit sind, ihn zu nutzen. Die Wirksamkeit richtet sich also nicht an die Hardcore-Nutzer, die ohnehin Wege finden, sondern an die breite Masse – und das ist durchaus beabsichtigt.
Wirksamkeit und Debatte: Zahlen und Perspektiven
Die GGL hat in den Jahren vor den DNS-Sperren bereits intensiv gegen illegale Anbieter vorgegangen: 2024 wurden über 230 Untersagungsverfahren eingeleitet, rund 1.700 Webseiten überprüft und mehr als 650 Domains gesperrt. Trotzdem stieg die Zahl der illegalen Seiten von 281 im Jahr 2023 auf 382 im Jahr 2024 – ein Anstieg von 36 Prozent. Diese Zahlen illustrieren das Kernproblem: Der Schwarzmarkt wächst schneller, als die Regulierer ihn bekämpfen können. Neue Domains sind in Minuten registriert, während behördliche Verfahren Wochen oder Monate dauern.
DSWV-Präsident Mathias Dahms vertritt eine klare Position: „Der beste Spielerschutz ist ein attraktives legales Angebot. Mehr Wettarten, mehr Live-Wetten, schnellere Verifikation.“ Seine Argumentation: Solange der regulierte Markt durch hohe Steuern, strenge Limits und eingeschränkte Wettmöglichkeiten weniger attraktiv ist als der Schwarzmarkt, werden DNS-Sperren allein das Problem nicht lösen. Die Sperren sind ein Symptom-Bekämpfungsmittel, kein ursächliches – solange die Nachfrage nach unregulierten Angeboten existiert, werden illegale Anbieter Wege finden, diese Nachfrage zu bedienen.
Die Gegenposition argumentiert: Ohne DNS-Sperren wäre der Zugang zu illegalen Anbietern noch einfacher, und jede Hürde reduziert die Zahl der Nutzer, die den Schwarzmarkt nutzen. Studien aus anderen europäischen Ländern, die DNS-Sperren für Glücksspielseiten eingeführt haben – darunter Italien, Belgien und Dänemark – zeigen gemischte Ergebnisse: Die Zugriffszahlen auf gesperrte Seiten sinken kurzfristig deutlich, stabilisieren sich aber langfristig auf einem niedrigeren Niveau. Der Effekt ist messbar, aber nicht vollständig. In Italien, wo DNS-Sperren für Glücksspiel seit Jahren praktiziert werden, hat sich der legale Marktanteil erkennbar erhöht – allerdings in Kombination mit einer steuerlich attraktiveren Regulierung als in Deutschland. Die reine DNS-Sperre isoliert betrachtet kann ihre Wirkung deshalb nicht pauschal beziffert werden.
Was sich 2026 für Wetter ändert
Für Wetter, die ausschließlich bei lizenzierten deutschen Anbietern spielen, ändert sich durch DNS-Sperren nichts. Die 29 lizenzierten Unternehmen mit insgesamt 34 Webseiten auf der GGL-Whitelist sind von den Sperren nicht betroffen – sie operieren legal und werden weiterhin uneingeschränkt erreichbar sein. Die Sperren treffen ausschließlich Anbieter ohne deutsche Lizenz.
Was sich indirekt ändert: Die Sichtbarkeit illegaler Anbieter sinkt. Wer bisher über eine Google-Suche auf ein illegales Angebot gestoßen ist und dort ein Konto eröffnet hat, wird zumindest durch die DNS-Sperre darauf aufmerksam, dass dieser Anbieter in Deutschland nicht zugelassen ist. Das ist kein unüberwindbares Hindernis, aber es ist ein Signal – und Signale haben eine Wirkung auf die breite Masse. Zusätzlich wirken DNS-Sperren als eine Art „Warnung“: Wer eine gesperrte Seite aufruft und eine Sperrmeldung sieht, wird zumindest informiert, dass er im Begriff ist, bei einem illegalen Anbieter zu spielen – ein Anbieter, bei dem kein Spielerschutz, keine OASIS-Anbindung und kein regulierter Beschwerdeweg existiert.
Die Die GGL verfügt aktuell über rund 75 Mitarbeiter, die für die Aufsicht über den gesamten deutschen Glücksspielmarkt zuständig sind – vom Online-Casino über Spielautomaten bis zu Sportwetten. Zum Vergleich: Die britische Gambling Commission beschäftigt über 300 Mitarbeiter für einen ähnlich großen Markt. Angesichts der Dimension des Schwarzmarkts – 382 identifizierte illegale Seiten allein 2024, mit hoher Dunkelziffer – ist das eine erhebliche Herausforderung. DNS-Sperren sind ein Skalierungsinstrument: Sie ermöglichen es, mit begrenzten personellen Ressourcen eine breitere Wirkung zu erzielen als individuelle Untersagungsverfahren, die jeweils einzeln bearbeitet werden müssen.
Meine Einschätzung nach zwölf Jahren in der Branche: DNS-Sperren sind ein sinnvoller Baustein in einer Gesamtstrategie, aber allein werden sie den Schwarzmarkt nicht beseitigen. Die wirksamste Maßnahme bleibt ein regulierter Markt, der für Wetter attraktiv genug ist, um nicht auf illegale Alternativen auszuweichen. Solange die Balance zwischen Spielerschutz und Marktattraktivität stimmt, haben DNS-Sperren eine unterstützende Funktion. Wenn der regulierte Markt dagegen zu restriktiv wird, werden Sperren zum Tropfen auf den heißen Stein – und die Wetter finden andere Wege. Die Entwicklung der kommenden Monate wird zeigen, ob die Kombination aus DNS-Sperren, behördlichen Untersagungsverfahren und einem sich weiterentwickelnden regulierten Markt den gewünschten Effekt erzielt. Die Zahlen von 2024 – 382 illegale Seiten trotz intensiver Bekämpfung – mahnen zur Zurückhaltung bei zu optimistischen Prognosen. Aber sie sind kein Argument gegen DNS-Sperren, sondern für eine umfassendere Strategie, die technische Maßnahmen mit einem wettbewerbsfähigen legalen Angebot verbindet.
Für die Zukunft zeichnet sich ab, dass DNS-Sperren nur ein Element in einem wachsenden Arsenal an Durchsetzungsinstrumenten sein werden. Die GGL arbeitet an weiteren Maßnahmen: verschärfte Zusammenarbeit mit Zahlungsdienstleistern, um Transaktionen zu illegalen Anbietern zu unterbinden, intensivere Kooperation mit internationalen Regulierungsbehörden und möglicherweise auch IP-basierte Sperren, die schwieriger zu umgehen sind als reine DNS-Blockaden. Der Kampf gegen den Schwarzmarkt ist ein technisches Wettrüsten, bei dem die Regulierer ständig nachrüsten müssen, um mit den Ausweichstrategien der illegalen Anbieter Schritt zu halten.
Welche Wettanbieter sind von DNS-Sperren betroffen?
Wie effektiv sind DNS-Sperren gegen illegale Wettseiten?
Material erstellt vom Team KICKWERT
